Dienstag, 12.03.2019
Uli Auffermann

Erste Winterbegehung der Trettach-Ostwand

Damals ... im Februar 1939

Willi Wechs hat sich in das Geschichtsbuch der Winterkletterer geschrieben

„Dass der Zugang zum Einstieg auch bei günstiger Schneelage um diese Zeit sehr zeitraubend und beschwerlich sein würde, konnte ich mir denken. Nur ein Winter mit ungewöhnlich sicheren Schneeverhältnissen ließ es zu, dass man im Februar jene gewaltigen Steilhänge unter der Trettach-Ostwand ungestraft gehen konnte“, schilderte der Bad Oberdorfer Willi Wechs (1901 – 1984) im Nachhinein, als ihm am 5. Februar 1939 zusammen mit Martin Feil die erste Begehung der Trettach-Ostwand in der kalten Jahreszeit gelungen war – ein Markstein des Winterbergsteigens in den Allgäuer Alpen. Um 17 Uhr standen die beiden schließlich am Gipfelkreuz. „Zwei Hände fanden sich ohne viel Worte. – Ein Blick – weit über die winterlichen Gipfel hinweg in die untergehende Sonne, dann sorgte der eisige Wind und die späte Stunde zu raschem Aufbruch“, so Willi Wechs nach seiner Pioniertat.

Bewundernswert, dass sie die tief verschneite Ostwand im Hochwinter ohne Biwak schafften – immerhin hatten sie 450 Höhenmeter Kletterei in wildester, abgelegener Felslandschaft zu überwinden.

Ein komplizierter, langer Zustieg, Kamine, Rinnen und plattige Rampen machten die Winterbegehung zu einer ernsten, großzügigen Unternehmung. Ganz nach dem Geschmack des Bergführers Willi Wechs aus dem schönen Ostrachtal, der sich in jenen Jahren auf Wintererstbegehungen spezialisiert hatte. So schrieb er über seine Tour: „Erst gingen wir mit Steigeisen, dann aber wechselte ich doch mit den Kletterschuhen, da der Fels überwog und auch schwieriger wurde. Die ständig täuschende Lage blieb in der ganzen Wand dieselbe: Von unten sahen wir nur den grauen Fels und von oben alles mit Eis- und Schneeschilden überdacht.“

Wechs war ein Bergführer klassischer Prägung, groß geworden in den Pioniertagen des extremen Alpinismus, als bisweilen das mühselige Hinkommen zum Berg, das wochenlange Unterwegssein Bestandteil des Abenteuers war. Zeitlebens blieb er den Bergen verbunden. Als Bergführer konnte er an die zweitausend Gipfelbesteigungen unfallfrei führen, hatte früh die Bedeutung des alpinen Rettungswesens erkannt und war selbst bei unzähligen Bergungen dabei – oftmals im Alleingang. 1924 war Willi Wechs bei der Gründung der Bergwacht beteiligt, setzte sich für den Naturschutz ein, und als langjähriger Hüttenwirt des Prinz-Luitpold-Hauses machte er dieses zu einem Allgäuer Kletter- und Ausbildungszentrum. In seinen Hausbergen, der Hochvogelgruppe, gelangen ihm an die zwanzig Erstbegehungen. Und auch nachdem er durch einen Lawinenunfall ein Bein verloren hatte, entwickelte er noch weiter Ausrüstungsgegenstände und veröffentlichte darüber hinaus zehn Bücher. Mit der Wintererstbegehung der Trettachspitze-Ostwand aber, seinem vielleicht größten Erfolg, hat Willi Wechs sich in das Geschichtsbuch der fähigsten Winterkletterer geschrieben.

Wer sich für die Faszination des Winterbergsteigens in den Allgäuer Alpen interessiert, dem sei der Film „Unter Null“ von Jürgen Schafroth empfohlen. Und wer sich die verschneite Trettach einmal selbst anschauen möchte, kann dies von Einödsbach aus tun, das man auch im Winter von Oberstdorf durch das Stillachtal erreichen kann.