Montag, 20.01.2020

Haareis

Die Zuckerwatte der Natur! Ein Naturphänomen, welches sehr schwer zu finden ist.

Hobbyforscher und Naturburschen aufgepasst!

Wer an kalten aber schneelosen Wintertagen eine Wanderung durch einen Wald unternimmt hat die Chance auf ein ganz besonderes Naturphänomen zu stoßen.
Auch wenn es so aussieht, handelt es sich dabei weder um Zuckerwatte, noch um Wolle oder gar Omas Haare, sondern um Eis.
Mit Omas Haaren lagen wir eigentlich gar nicht so falsch, zumindest nicht mit dem Wort „Haare“.
Die Eisart nennt man nämlich „Haareis“ oder manche auch "Eiswolle". Diese ist eine wahre Seltenheit der Natur, welche die Wenigsten in ihrem Leben zu Gesicht bekommen.
Denn zur Entstehung benötigt es einen ganz bestimmten, microgenauen Zustand.
Einerseits Standorttechnisch, vor allem aber Wettertechnisch.

Zart und fein...

Wenn alle Bedingungen zusammenpassen, kann man diese skurrile Entdeckung auch in Oberstdorfer Wäldern machen: Eiskristalle, die dünn wie Haare sind und in ganzen Büscheln aus Totholz herauswachsen.

Wie entsteht Haareis?

Haareis wächst von der Basis aus und nicht wie Eiszapfen an den Enden. Die dünnen Eisfäden entstehen innerhalb weniger Stunden und wachsen auf bis zu zehn Zentimeter.
Eishaar wächst über Nacht und ist sehr kurzlebig. Je nach Lage des Astes an einem schattigen oder sonnigen Platz, ist das Eis in der Sonne nach einer Stunde geschmolzen. Im Schatten bleibt es auch einen ganzen Tag erhalten. Wenn die Eisfäden wachsen, entwickeln sie genug Kraft, um die Borke vom Ast zu lösen.
Das ist auch für das Eishaar sehr förderlich, denn auf dem Boden ist es nass und Nässe benötigt Eishaar um weiter zu wachsen. Bevor dieses entsteht, muss es daher die Tage zuvor ausreichend geregnet haben.
Die Temperaturen sollten leicht unter null Grad sein, aber auch nicht zu kalt. Das Holz darf an sich nicht durchgefroren sein.
Die feine Eiswolle entsteht, da das Wasser bei den richtigen Bedingungen nur oben im Holz gefriert. Dabei dehnt es sich aus, während von unten ausdehnendem Wasser nachdrückt, das dann an der Oberfläche gefriert. Deswegen braucht es eben genügend Wasser.

Was sagt die Forschung?

Der berühmte deutsche Polarforscher Alfred Wegener beschrieb vor rund 100 Jahren Haareis als Erster. Noch immer ist das Phänomen nicht vollständig erforscht.
Er vermutete damals, dass es sich um einen Pilz handelt, der das Totholz zersetzt und dabei Energie nach außen abgibt.

Er hat recht behalten. Relativ junge Forschungen haben ergeben, dass ein Pilz namens „Rosafarbene Gallertkruste“ den Prozess enorm fördert.
Dieser zersetzt im langsamen Prozess das tote Holz. Alles was er entweder nicht gebrauchen kann oder was für ihn giftig ist, das scheidet er aus. So entsteht die erwähnte Energie.
Das meiste Haareis entsteht im Zusammenhang mit diesem Pilz.

Fassen wir also zusammen:

Neben dem Pilz im Totholz und einer Stelle mit fehlender oder loser Rinde, sind die klimatischen Bedingungen für Haareis wichtig. Bestenfalls hat es in den vorherigen Tagen viel geregnet. Ganz wichtig ist außerdem die Temperatur, die bei circa null Grad Celsius liegen muss.
Ist es kälter oder sinkt die Temperatur zu schnell gefriert das Wasser im Holz. Es drückt nicht mehr nach oben und es bildet sich ein großer Eisklumpen an Stelle von vielen kleinen filigranen Eisfäden.

Wer sich das Phänomen mal aus der Nähe ansehen möchte, muss in der Natur die Augen offen halten.
Viele Chancen gibt es nicht, denn nur selten sind an einem Ort alle Bedinungen gleichzeitig erfüllt.

Aber wie heißt es noch gleich? ...willst du gelten mach dich selten!

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Schauen Sie doch gerne auf www.oberstdorf.de/naturschauspiel vorbei.
Dort finden Sie noch viele weitere Oberstdorfer Naturphänomene sowie Besonderheiten.